INTERVIEW MIT FREDY STUDER VON PIRMIN BOSSART
Photo by Ben Huggler
Wie und wann ist Phall Fatale entstanden?

Hans Koch und ich feierten 2008 unseren 60. Geburtstag. Wir wurden vom Moods in Zürich eingeladen, ein kleines Festival für zwei Abende zusammen zu stellen. Dort hatten wir unseren ersten Auftritt. Eigentlich ist es wahnsinnig, mit 60 nochmals von vorne zu beginnen und eine neue Band zu gründen, mit all der Verantwortung und dem finanziellen Aufwand. Aber anstatt eine grosse Privat-Party zu feiern, habe ich mir, uns und dem Publikum Phall Fatale geschenkt.

Von der musikalischen Idee her ging ich mit einer Band wie Phall Fatale schon seit Jahren schwanger. Den zündenden Funken gab die 20. Ausgabe der Impro-Konzertreihe Joyful Noise, die ich in loser Folge seit 1997 veranstalte. Damals lud ich unter anderem Joy Frempong und Joana Aderi ein. Beide singen und beide pflegen einen kreativen Umgang mit Elektronik. Nach dem Konzert wusste ich: Mit diesen beiden Musikerinnen zusammen wollte ich diese Band gründen. Eine Band, kein Projekt. Eine Band ist eine langfristige Sache und beinhaltet eine gewisse Verpflichtung. Ein Projekt ist unverbindlicher.

Was war diese Band-Idee, die latent schon seit Jahren in Ihnen schlummerte?

Mir schwebt – grob gesagt - eine Verbindung von Song und Improvisation vor. Ich denke an eine Band, die nahtlos zwischen den beiden Formen wechseln und zu jeder Zeit zum Song zurückkehren oder diesen improvisatorisch in neue Zonen treiben kann. Normalerweise ist Improvisation eine instrumentale Musik mit offenen Parametern, während Songs Texte transportieren und klar abgegrenzte Strukturen haben. Mit Phall Fatale nehmen wir beide Bereiche auf und lassen die herkömmlichen Grenzen hinter uns. Das ist zumindest unsere Intention, die wir am Entwickeln sind.

Sie gewannen Joy Frempong und Joana Aderi als Partnerinnen für ihre Band. Wie kam Phall Fatale schliesslich zustande?

Wir hatten ursprünglich die Idee, einen Bass und eventuell noch ein weiteres Instrument dazu zu nehmen. Beim Bassisten war ich lange auf einen Elektro-Bassisten fixiert. Wir fanden aber keinen Elektrobassisten, weil diese meistens entweder Groover, aber keine Improvisatoren sind, und umgekehrt. Dann hörte ich eines Abends vor einem Gig über die Lautsprecher des Clubs eine Platte von Soul Coughing: Das war Rockmusik – aber mit einem Kontrabassisten. Da war mir klar: Es könnte auch ein Kontrabassist sein! Das machte es wesentlich einfacher, jemand Geeigneter zu finden.

In einer ersten Runde wählten wir drei mögliche Kontrabassisten für eine Audition aus. Die ersten zwei, die vorspielten, waren so gut, dass wir dem dritten schweren Herzens wieder absagten. Wir konnten uns zwischen den beiden Bassisten nicht entscheiden, weil jeder wieder Qualitäten hatte, die perfekt passten. Dann hatte Joy die zündende Idee: Warum nehmen wir nicht beide, und verzichten dafür auf einen weiteren Instrumentalisten? So entstand die Besetzung von Phall Fatale.

Es ist eine Besetzung, die mit zwei Stimmen und Elektronik, zwei Kontrabassisten und einem Schlagzeuger recht exzentrisch ist. Die Frontline mit zwei Frauen ist ebenfalls eine attraktive Wahl......

.....auch generationenmässig haben wir ein breites Spektrum vorzuweisen. Die jüngste Musikerin ist 32 Jahre alt, der älteste ist 62. Erfahrung trifft auf jugendliche Frische. Aber wie gesagt: Was sich jetzt so besonders präsentiert, war keine Idee, die auf dem Reissbrett entstand. Da waren mehrere Umstände am Werk, die so nicht planbar waren, sondern sich mit einer geradezu inneren Folgerichtigkeit schlicht ergeben haben. Deshalb bin ich auch so glücklich, wie die Band entstanden ist. Schon ganz am Anfang: Joana Aderi habe ich via Internet (myspace.com) kennen gelernt, obwohl sie mehrere Jahre in Luzern gelebt hatte. Dazu kam, dass sie und Joy Frempong unabhängig von mir auch schon Kontakt miteinander geschlossen hatten, um eventuell etwas zusammen zu machen. Und beide haben afrikanische Väter.

Welche musikalischen Hintergründe kommen bei Phall Fatale zusammen?

Von den musikalischen Kompetenzen her sind in Phall Fatale ebenso Hip Hop wie Improvisation, Jazz wie Elektronik, zeitgenössische Musik wie Hardcore, Rhythm’n’Blues wie Noise vertreten. Wohlgemerkt: Das sind die Erfahrungshintergründe der Beteiligten, wir sprechen hier nicht von einer Beliebigkeit der Musik. Joy Frempong, Joana Aderi und Daniel Sailer haben alle Musik studiert, John Edwards und ich sind Autodidakten. Sailer hat ein klassisches Kontrabass-Studium absolviert. Er spielt immer wieder klassische Musik sowie moderne Kompositionen in zeitgenössischen Ensembles. So ist er unter anderem Interpret von Iannis Xenakis’ Solokonzert für Kontrabass „Theraps“. Gleichzeitig ist er auch ein Metal- und Noise-Freak.

John Edwards ist mit Punk und Rock aufgewachsen und war unter anderem Mitglied der Jazzcore-Band „God“ mit Kevin Martin (Techno Animal, The Bug). Mittlerweilen zählt er zu den bedeutendsten Improvisatoren Europas. Joana Aderi versteht sich in erster Linie als Elektronik-/Laptop-Musikerin, und erst sekundär als Sängerin. Joana hat Chormusik studiert, mit einer Betonung auf Renaissancemusik und insbesondere Monteverdi. Später hat sie in Trondheim/Norwegen ein Kompositionsstudium abgeschlossen. Also schreibt sie auch „Streicherarrangements“ für die beiden Kontrabässe. Joy Frempong wiederum ist eine ausgezeichnete Sängerin und Spoken-Word-Artistin, die auch Elektronik einsetzt. Sie hat eine Affinität für Hip Hop, ist aber auch ein begeisterter Fan der Soul- und Bluessängerin Nina Simone.

Nun sind die Mitglieder nicht nur musikalisch vielfältig engagiert, sie leben auch in den verschiedensten Ecken Europas.

Geografisch sind wir tatsächlich weit auseinander. Joana lebt in Oslo, John in London, Joy ist in Berlin, Daniel in Chur und ich bin in Luzern. Das mag ein Nachteil sein und seine logistisch-organisatorischen Tücken haben, aber es ist nun mal die Band mit diesen Mitgliedern. Das sind die Musikerinnen und Musiker, die Phall Fatale ausmachen. So muss es sein.

Wie entstehen bei Phall Fatale die Kompositionen, die Songs?

Die meisten Songs bringen Joy und Joana in die Band. Meine Idee war, „Desolation Row“ von Bob Dylan sowie das Stück „un grand sommeil noir“ des Komponisten Edgard Varèse zu interpretieren. Dieses Song-Material wird dann vom Kollektiv gemeinsam bearbeitet. Unser Ziel ist, dass wir einmal so weit kommen, ohne Setlist auf die Bühne zu gehen und in schlüssiger Klarheit jederzeit zwischen Songs und Improvisation wechseln zu können.

Welche Einflüsse und musikalischern Abläufe sind für sie besonders wichtig und tragend?

Es gibt da keine Präferenzen. Zentral ist die übergreifende Linie, dass nämlich Song und Improvisation Verbindungen eingehen sollen. Wie das geschieht, entscheiden die Musiker selber, ihre Einflüsse und Erfahrungen, aber auch die Chemie des Kollektivs. Ich verstehe mich in diesem Prozess als eine Art Regisseur, der die verschiedenen Entwicklungen und Interessen bündelt. Umso mehr bin auch ich darauf angewiesen, dass die einzelnen Musiker mit einer starken Stimme sprechen und sich mit ihren ganzen Fähigkeiten einbringen. Dabei hilft mir auch meine Gabe, dass ich Sachen initiieren kann, die gemeinhin als unmöglich taxiert werden. Doch meine Erfahrung ist immer wieder gewesen, dass vieles eben doch geht, wenn man es nur macht.

Was erwarten Sie als Musiker vom Publikum? Was tut die Band, um die Leute anzusprechen?

Wir möchten uns nicht beim Publikum anbiedern, aber wir beziehen das Publikum in unser Denken und Fühlen mit ein. Spezielle Inszenierungen interessieren uns nicht. Ein Konzert ist ein Konzert. Entweder fährt es zusammen mit dem Publikum ein, oder es fährt nicht ein. Für mich sind Konzerte nicht isolierte Turnübungen für die Band, sondern gemeinschaftliche Prozesse mit dem Publikum. Wir machen etwas mit dem Publikum zusammen. Es findet etwas Gemeinsames statt. Wenn dieser Energieaustausch zwischen Bühne und Publikum zu fliessen beginnt, dann passiert es.

Gerade in den Bereichen Jazz und Improvisation sind die Besucherzahlen oft spärlich. Was sagen Sie dazu?

Mich interessiert es nicht mehr, Konzerte vor fünf bis sechs Leuten zu machen. Dann kann ich genau so gut im Proberaum spielen. Wenn wir auf die Bühne gehen, wollen wir Leute ansprechen. Wir geben etwas, und indem das Publikum diese Energie aufnimmt, gibt es auch uns wieder etwas. Es ist ein Austausch, ein sozialer Akt, ja letztlich wie eine Beziehung zwischen zwei Menschen. Wenn es nicht gelingt, das Publikum zu erreichen, haben wir etwas falsch gemacht. Wenn ich nicht überzeuge, liegt das nicht am Stil oder am Publikum. Man muss es in jeder Situation einfach bringen. Je abstrakter die Musik ist, desto wahnsinniger und präsenter muss man sein. Es geht um eine Haltung, die durch kommen muss. Eine Dringlichkeit. Egal, in welchem Stil sie stattfindet.

Wie sehen Sie das Entwicklungspotenzial von Phall Fatale? Wohin geht die Reise?

Wir machen, wir bleiben dran, das ist unser Impetus. Modewörter wie „Innovation“ oder „Vision“ existieren für uns nicht. Wir sind auch nicht am Einschaltquoten-Schrott interessiert. Uns geht es um Inhalt, um eine Haltung. Das, was nicht zusammen geht, zusammen bringen: Das hat mich schon immer angetrieben. In diesem Fall ist es die Verschmelzung von Song und Improvisation. Indem wir proben, auftreten und spielen können, erschaffen wir diesen Organismus, in dem diese Intentionen möglich werden. Das ist unsere Reise. Sie hat erst begonnen. An unserem siebten Konzert - am „ear we are“ -Festival 2009 in Biel – hatten wir alle erstmals das Gefühl: Hier stehen wir. So könnte es gehen.

Im Herbst 2009 machen Sie Aufnahmen für die erste CD. Als Produzent haben Sie Roli Mosimann verpflichtet, der mit Bands wie Swans, Nine Inch Nails, Rage Against the Machine oder The Young Gods gearbeitet hat. Wie kamen Sie auf Mosimann?

Für die CD-Aufnahmen wollte ich jemanden verpflichten, der von aussen her unsere Musik wahrnimmt und die Regie führt. Ich wollte und konnte das nicht selber machen. Der Produzent soll die Musik soundmässig und strukturell so zusammen fügen, dass es den Kern unseres Tuns trifft. Das musste jemand sein, der unsere Soundwelt grundsätzlich mag und von ihr inspiriert wird. Roli Mosimann habe ich über den Schlagzeuger Jojo Mayer kennen gelernt. Bei einem Treffen habe ich festgestellt, dass wir gut korrespondieren und etwas Ähnliches meinen. Wir haben grundsätzliche ästhetische Übereinstimmungen, ein Abenteuer ist es trotzdem noch. Die besten Voraussetzungen also, um eine CD zu produzieren, die nicht nur säuseln, sondern auch etwas donnern soll!

Was bedeutet eigentlich der Bandname „Phall Fatale“?

Es ist natürlich ein Wortspiel mit „femme fatale“ und „phallus“, aber nicht nur. Wir wählten den Namen, weil er vielschichtige Assoziationen und Bedeutungen hat. So ist Phall die Bezeichnung für das schärfste Currygewürz in Indien.
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